B4


Belgrade - Continuity of Discontinuity

Living at the Waterfront oder wem gehört die Stadt?
Das „Recht auf Stadt“ entwickelte sich zum Leitsatz internationaler Bürgerbewegungen, die sich gegen die gewinnori- entierte Immobilienpolitik und Stadtentwicklung der Gegenwart auflehnt. Der Autor dieser aufgeladenen Formulierung war Henri Lefebvre, und vor etwa 50 Jahren erschien seine urbanistische Streitschrift mit demselben Titel. Die Frage danach, wem die Stadt gehört, und wie wir in Ihr leben möchten ist hochaktuell. Gentrifizierung und Aus- grenzung sind gesellschaftlich schwerwiegende Fehlentwicklungen und machen deutlich, dass die Politik die Frage nach einer Teilhabe an öffentlichen Räumen und die Wohnungsfrage nicht dem freien Markt überlassen darf und hier in großer Verantwortung steht.

Belgrad
In diesem Zusammenhang blicken wir nach Belgrad, einer Stadt die mit ihrer politischen Geschichte einen interessanten Kontext für Stadtentwicklung und die Wohnungsfrage bildet. Im Staatenbund des ehemaligen Jugoslawien war zwar nicht das Recht auf Stadt, aber immerhin das Recht auf Wohnraum in den Grundrechten der Verfassung gesichert. Der Staat musste dafür Sorge tragen, dass ausreichend Wohnraum zur Verfügung stand. Nach dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawien steht Serbiens Metropole nun vor ähnlichen Problemen wie die meisten europäischen Großstädte. Das neo- liberale Modell der Stadtentwicklung hat sich auch hier durchgesetzt und steht im starken Kontrast zur unmittelbaren Geschichte. Die Rentabilität eines Projekts steht dabei im Vordergrund und der gemeinschaftliche Raum wird vernach- lässigt.

Belgrad am Wasser
Das Investorenrojekt ’’Belgrad am Wasser’’ ist gebaute Realität. Eine Baustelle, die das Gesicht der Stadt maßgeblich verändern wird. Eine Bürgerbewegung hat sich entwickelt, die in regelmäßigen Demonstrationen mobil macht gegen den weiteren Bau. Was können Architekten tun, damit Großprojekte eine Stadt nicht überfordern? Von Neu Belgrad kann man lernen, dass auch die Planung am Reißbrett lebenswerten Wohnraum herstellen kann. Ar- chitekten sollten sich bewusst sein darüber, wie wichtig öffentlichen Nutzungen für eine gesunde Stadtentwicklung sind. Wenn wir nicht möchten, dass die schönsten Teile der europäischen Stadt einer finanziellen Elite vorbehalten bleibt, müssen wir dafür sorgen, dass es auch weiterhin Räume im Stadtgewebe gibt, zu denen jeder Zugang hat. Wir sollten in der Lage sein, sie zu erfinden und zu entwerfen, denn sie üben eine große Wirkung auf unsere Gesellschaft aus.

Aufgabe
Im letzen Studiensemester, bevor Sie als junge Architekt*innen in die Bürowelt des freien Marktes eintauchen, möchten wir Sie mit diesem wichtigen Teil Ihrer Arbeit bekannt machen. Uns interessiert der Typus des Gemein-Raumes, der der gemeinschaftlichen Nutzung gewidmet ist, und wie er das Wohnen und die Stadt verändert. Das zu bebauende Grundstück befindet sich in einer privilegierten Lage am Save Ufer. Es soll dem Wohnen gewidmet werden und gleichzeitig soll der Zugang zum Wasser nicht versperrt, sondern um Nutzungen ergänzt werden, die es allen erlauben, sich an diesem begünstigten Ort aufzuhalten. Es muss ein Programm sein, das mit dem Wohnen verein- bar ist, es lebenswerter macht. Beim Entwerfen der Wohnungen spielt der Aspekt des Teilens eine wichtige Rolle. Neben dem privaten Wohnbereich sollen Räume geplant werden, in denen einerseits Ressourcen geteilt werden und andererseits Gemeinschaftlichkeit entsteht und stattfinden kann. Das kann über das gemeinsame Treppenhaus hinaus eine Gemeinschaftsküche, der Quar- tiertreff, Gästewohnungen, Musizierzimmer, Veranstaltungsräume etc. sein. Sie entwerfen für Menschen, die bisher auch in Sava Mala ansässig sind; Familien, Künstler, Menschen aus der Alterna- tivbewegung, die sich den teuren Wohnraum, den Belgrad am Wasser produziert, nicht leisten können. Sie müssen sich zusammentun um weiterhin hier wohnen zu können, denn über das Konzept der Baugruppe kann der Quadratmeterpreis erschwinglich gehalten werden.

Kategorie: B4
Punktezahl: 12 + 3 ECTS
Betreuerinnen:
Teilnehmer: 16 - Anmeldung über RWTH online