B1


Looking Out

Entwurfsstudio

[Termine und Informationen als PDF]

Der Turm in der Stadt
Die Entwurfsaufgabe besteht aus drei Teilen. 1. Ein vorgefundener Gemeinschaftsort (common space) in der Stadt, 2. eine kollektive Nutzung (collective function), 3. ein Stapel einstöckiger Wohnungen (single floor apartments), die einen kleinen, schlanken Wohnturm (pencil tower) im städtischen Gewebe von Prag entstehen lassen.

Das Apartment
Der Grundriss eines Apartments kann eine schöne Sache sein. Alle Räume liegen auf einer einzigen Ebene, dessen Bewohner*innen sich hier von Raum zu Raum bewegen. Einige Räume sind groß, nutzungsoffen und kollektiv, andere sind bestimmt und funktional, wieder andere intim, ruhig und privat. Jenseits der Räume gibt es die Aussicht, die uns sorgfältig platzierte Fenster bieten können. Einige verbinden sich mit der Nachbarschaft mit ihren belebten Orten, andere mit ruhigen, gar versteckten Räumen, andere vielleicht mit einem riesigen Spektakel. An jedem Punkt erlaubt der Plan den Bewohnern ein anderes Verhalten, um den ständig wechselnden Stimmungen, die uns durch den Tag führen, gerecht zu werden. Von dem sanften Moment des Aufwachens, zu unseren konzentrierten Morgen, zu unseren geschäftigen Nachmittagen, zu geselligen Abenden und intimen Nächten. Wie kann ein Plan diesem Reichtum häuslicher Bedürfnisse unseres täglichen Lebens gerecht werden? Wie finden diese Bedürfnisse im Grundriss ihre jeweilige räumliche Entsprechung? Dies gilt es im Plan zu verhandeln.

Die Ansicht, der Plan, die Form
In diesem Entwurfsstudio werden Sie jeder sehr intensiv an einem einzigen Wohnungsgrundriss arbeiten. Dem Geschossplan gilt es zusätzliche Bedeutungen zu verleihen. Dabei kann die Form und Gestalt der Räume eine Geschichte erzählen, die größer ist, als die reine Zuweisung notwendiger Quadratmeter. Vielleicht verändert sich der Charakter der Räume innerhalb des Hauses; private Räume aus einfachen, nüchternen Formen gebildet und soziale Räume aus reichlich bewegten Formen gebildet oder umgekehrt. Vielleicht orientieren sich die Räume an den Blickwinkeln möglicher Aussichten, so dass die Räume in zufälligen Winkeln ineinander übergehen. Das Ergebnis Ihrer Studien wird ein schlanker Wohnturm (pencil tower) – mit einem Größenverhältnis von 1:3 oder höher – sein. Es wird nur eine Wohnung pro Etage geben, die sich einfach in den oberen Etagen wiederholt. Die Form des Turms wird somit direkt von der Form des Grundrisses beeinflusst. Jede einzelne Entwurfsentscheidung bedingt das Ganze; das Ganze bietet Rückschlüsse für die einzelne Entwurfsentscheidung. Das Verhältnis zwischen der Ansicht, dem Plan und der Form des Turms muss offensichtlich sein.

Markieren des Gemeinschaftlichen
Jeder Turm wird sich an einem gefundenen gemeinschaftlichen Ort (common space) in der Stadt wiederfinden. Obwohl es sich hierbei meist um den öffentlichen Raum handelt, werden sich Gruppen oder Individuen unterschiedlich stark mit dem Ort identifizieren und ihn unterschiedlich für ihre sozialen Handlungen beanspruchen. Bei diesen Orten kann es sich um ein Sportfeld, einen Garten, einen Segelhafen mit Holzstegen, Badeplätze am Flussufer oder einer Bank neben einem Baum auf einem beiläufigen Platz in der Stadt handeln. Ihr Turm wird diese Gemeinschaftsräume direkt ansprechen, indem er zum einen durch eine ergänzende Funktion im Erdgeschoss, bspw. einem Café oder Restaurant, Umkleidekabinen mit Rettungsschwimmerhochsitz, einem Fahrradverleih oder einem Arkadengang und zum anderen seine Position in der Stadt durch die Zeichenhaftigkeit des „Bleistiftturms“ unterstreicht. Dieser Entwurfsteil wird Ihnen die Möglichkeit geben, über die Stadt und mögliche Orte der Gemeinschaft und des Gemeinschaffens (Commoning) nachzudenken. Wie eine Sockelfunktion zur Qualität des öffentlichen Raumes beitragen kann. Über das Gebäude als Zeichen in der Landschaft. Über den ultimativen Grundriss innen und außen. Und letztlich klären, wie alle diese Überlegungen zusammenhängen sollen.

Ort & Exkursion
Schauplatz des Entwurfs ist Prag in der Tschechischen Republik. Eine in einem Tal gelegene Stadt, die auf zwei Seiten des Flusses liegt und mit einer Vielzahl von Brücken verbunden ist. Ihre Türme werden auf beiden Seiten der Moldau liegen; einige in hügeligem Terrain und andere in der flachen Ebene. Die Türme werden allesamt ausschauen, aufeinander und hinunter auf die Stadt. Jacque Austerlitz erinnert sich in Sebalds gleichnamigen Roman Austerlitz an das prächtige Panorama mit seinen vielen Hochpunkten aus seiner Kindheit: „Nur manchmal, im Sommer, hätten wir mit dem Wägelchen, an dem ein buntes Windrädchen befestigt war, etwas weitere Ausflüge unternommen, bis auf die Sofieninsel, in die Schwimmschule am Moldauufer oder zu der Aussichtsplattform auf dem Petřínberg, von der aus wir wohl eine Stunde und länger die ganze vor uns ausgebreitete Stadt überschauten mit ihren vielen Türmen, die ich sämtlich auswendig gewußt hätte, ebenso wie die Namen der sieben Brücken, die den glänzenden Strom überspannten.“ Auf der gemeinsamen Exkursion in die hunderttürmige Stadt, wie Prag seit Jahrhunderten bezeichnet wird, werden wir uns mit den Studierenden der dortigen Architekturfakultät treffen und gemeinsam darüber nachdenken, welche Rolle gemeinschaftliche Räume in der Stadt spielen können.

Analytische Vorübungen

Der Plan
Jeder von Ihnen wird einen einzelnen Grundriss analysieren und davon ein Modell mit detaillierter Innenausstattung erstellen, die wichtige Raumfolgen in drei Bildern zeigen. In der ersten Woche zeichnen Sie einen detaillierten Vektorplan des Grundrisses und bestimmen die Reihenfolge der zu modellierenden Räume. In der folgenden Woche wird ein Skizzenmodell erstellt. Abschließend wird das endgültige Modell erstellt, daß von einem HIWI dokumentiert wird.
Der Turm
Jeder von Ihnen analysiert einen Turm im Kontext seiner unmittelbaren Umgebung. Handelt es sich um einen Solitär oder eine mit anderer Bausubstanz verknüpfte vertikale Struktur? Wie erschließt man den Hochpunkt? Unterscheiden sich die Seiten voneinander? Analysiert wird unter anderem die räumliche Wirkung aus nächster Nähe an der Basis und aus der Ferne im weiteren städtischen Gefüge.
Das Gemeinsame
Welche gemeinsamen Räume gibt es in der Stadt? Welche Gruppen verwenden sie, warum und wie? Es werden mittelalterliche Prozessionszeichnungen angefertigt, um die Verwendung des Gewöhnlichen darzustellen.

Kategorie: B1
Punktezahl: 12 ECTS
BetreuerInnen: Marius Grootveld, Daniel Spruth, Natali Gagro, Björn Martenson,Thomas Müller-Simon
Teilnehmer: 80 - Anmeldung über RWTH online